Erster Erfahrungsbericht vom September 2008
Im Februar 2007 haben wir mit unserer ersten ambulant betreuten Wohngemeinschaft auf dem Friedrichshof begonnen. Unsere Mieterinnen und Mieter und ihre Angehörigen haben mehr als einmal ihre Zufriedenheit über das neue Angebot zum Ausdruck gebracht.
Als "Profi" freut mich besonders, dass sich die Schilderungen aus ähnlichen Wohngemeinschaften bestätigt haben. Dazu zählen die individuelle Betreuung, die Häufigkeit der Besuche und das Gemeinschaftsleben - nur um einige wichtige Punkte zu nennen.
Ich habe mich nicht nur seit 1970 in Abständen immer wieder beruflich mit der Altenpflege beschäftigt, sondern innerhalb meiner Familie auch persönliche Erfahrungen machen müssen.
Diese daraus gewachsenen Erkenntnisse haben mir erst endgültig die Augen für die unvermeidlichen Defizite des Heimes geöffnet: Meine Schwiegermutter saß nun bewegungsunfähig in ihrem Pflegeheim-Zimmer. Das 24 qm große Einzelzimmer mit Dusche/WC war zu ihrer Einsamkeitsfalle geworden. Natürlich erkennt ein kluger Heimbetreiber das Problem und versucht gegenzusteuern. Einmal vormittags wurden deshalb alle Gehunfähigen zu einer Gesangsstunde oder Sitzgymnastik aus ihren Zimmern herausgeholt. Das reicht natürlich nicht.
Selbstverständlich ist mir bewußt, dass jeder Heimbetrieb durch die Zusammensetzung der heutigen Heimbewohner schnell an seine Grenzen stoßen muß. Die "vorgeschaltete" ambulante Pflege und die tief verwurzelte Abneigung alter Menschen, in ein Pflegeheim zu gehen, führt dazu, dass die meisten Heimbewohner schon bei der Aufnahme schwer pflegebedürftig sind.
Welche Schlußfolgerungen habe ich aus meinen persönlichen Erfahrungen gezogen? Hätten wir damals bereits die Wohngemeinschaft gehabt, wären unsere Verwandten dort eingezogen. Sie wären nicht nur besser betreut worden, sondern hätten auch noch ein Vermögen gespart!
Die ambulant betreute Wohngemeinschaft kann für einen großen Anteil der Betroffenen die bessere Alternative sein. Begründen möchte ich es mit der Überschaubarkeit der Gruppe, der natürlichen Umgebung, die die Kontaktaufnahme fördert und sich wie von selbst entwickeln läßt. Die Einflußnahme der Angehörigen und Verwandten, die bewußt niedrigschwellig gehaltene Einladung zu Besuchen aus dem früheren Wohnumfeld und die Selbstbestimmung über Haushaltsführung, Speiseplan und Pflege.
Auch das selbstverständliche Mitbringen von Haustieren erleichtert den Umgebungswechsel.
Diese inzwischen angehörigengeführte ambulant betreute Wohngemeinschaft ist in jedem Augenblick ein Spiegelbild ihrer Mieter und ist deshalb vom Modell her variabel und bedürfnisorientiert. Trotz aller Vorzüge gibt es eine offene Frage: Was passiert bei hochgradiger Pflegebedürftigkeit? Ehrlicherweise müssen wir antworten, dass wir keine Pflegeeinrichtung sind, sondern die Pflege in den Händen des selbst gewählten ambulanten Pflegedienstes liegt. Bisher haben wir bei einzelnen Mietern gute Erfahrungen machen können.
Um die Lebhaftigkeit des Wohnmileus zu erhalten, wollen wir nach Rücksprache mit allen Beteiligten auch Menschen mit Handicaps aufnehmen, die über keine Pflegestufe verfügen.
Wir kennen aus eigener Erfahrung die Heimkosten und welche Belastungen auf Selbstzahler zukommen. Deshalb war es von vornherein unser Anliegen, ein preisgünstiges Angebot zu entwickeln. Gerade in heutiger Zeit sinkender Einnahmen ist es legitim, das Erblasser durch Entscheidungen für unsere Wohngemeinschaftsform ihr Vermögen der Familie erhalten bzw. die Söhne und Töchter nicht zu den Heimkosten herangezogen werden können.
Die Wohngemeinschaft ist knapp kalkuliert; es gibt keinen zu finanzierenden Leerlauf, kein Überbau und die Präsenzkraft arbeitet auf Honorarbasis und bietet ein ausgezeichnetes Leistungsspektrum.
September 2008
Uwe Böttjer